Kleiderordnung und Etikette

Renate Tomberg, Protokollexpertin mit Leidenschaft: „Geht nicht, gibt’s nicht – immer mit einem Lächeln und vor allem Gelassenheit.“

04.10.2019

Fast zwei Jahrzehnte war Renate Tomberg im Protokoll-Referat des Bundespräsidialamts tätig. Dabei war sie für zahlreiche Empfänge und Staatsbesuche zuständig und kennt sich aus, wenn es um Kleiderordnung und Etikette geht. textil+mode sprach mit ihr über den richtigen Dresscode und was sonst noch zu einer gelungenen Veranstaltung zählt.

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textil+mode: Frau Tomberg, Kleider machen Leute, wie es so schön heißt. Macht es denn überhaupt Sinn, als Gastgeber - sei es geschäftlich oder bei einer privaten Einladung - einen Dresscode in die Einladung zu schreiben?

Renate Tomberg: Auf alle Fälle, als Gast hat man dann zumindest eine Orientierung. Selbst bei privaten Feiern erleichtert ein kleiner Zusatz dem Gast die Kleiderauswahl. Bei offiziellen Anlässen gehört es für mich zum guten Ton dazu. Sie müssen ja wissen, in welchem Rahmen eine Veranstaltung stattfindet. Ich finde überhaupt, dass ein positives Erscheinungsbild gewissermaßen zu Ihrer Visitenkarte gehört, ob geschäftlich oder privat.

textil+mode: Ist das aber überhaupt noch zeitgemäß?

Renate Tomberg: Ein gewisser Dresscode bedeutet ja nicht, dass Sie Ihren persönlichen Stil ablegen sollen, im Gegenteil. Dresscodes sind bei uns immer nur Orientierungshilfen ohne Sanktionen. Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen. In Großbritannien ist das immer noch anders, da kann es schon mal passieren, dass Sie vor der Tür bleiben müssen, wenn Sie nicht nach Dresscode gekleidet sind.

textil+mode: Dann schauen wir uns einfach mal die gängigen Dresscodes bei uns an. Was ist denn im Rahmen der Empfehlung „Dunkler Anzug und Kleid“ alles möglich?

Renate Tomberg: Die Herren haben es einfach, wenn dieser Hinweis auf der Einladung steht: dunkler Anzug kann ein schwarzer Anzug sein, aber auch Dunkelgrau, Anthrazit und Dunkelblau. Auf alle Fälle immer mit Gürtel oder Hosenträgern. Und weil ich das bei diesem Thema auch immer wieder gefragt werde: Beim Jacket immer nur einen der Köpfe schließen, bei drei Knöpfen den mittleren, bei zwei den Oberen und bei Tisch dann die Jacke öffnen. Für die Damen bedeutet die Empfehlung kurzes Kleid eine gerade kniebedeckte Kleiderlänge. Bei Abendveranstaltungen kann die Länge auch bis zur halben Wade sein, wenn kein langes Kleid erwünscht ist. Aber auch mit einem eleganten Hosenanzug oder einem Kostüm sind Sie richtig angezogen.

textil+mode: Sie sagen zu Recht, dass es für Männer einfacher ist, wäre da nicht die Krawattenfrage. In manchen Vorstandsetagen sind inzwischen selbst die Chefs ohne….

Renate Tomberg: Das würde ich dann unter Unternehmensphilosophie einordnen. Beim Dresscode dunkler Anzug gehört ein schickes Hemd mit Krawatte oder bei der Dame eine elegante Bluse oder ein edles Shirt zum Gesamtoutfit für mich dazu.

textil+mode: Beim Business-Outfit haben Krawatte und Business-Kostüm oder Hosenanzug meiner Beobachtung nach aber ausgedient?

Renate Tomberg: Auch da empfiehlt es sich, in Ihrem Arbeitsumfeld vorzufühlen. Es hängst ja auch stark davon ab, wo Sie arbeiten, ob Sie Kundenkontakt haben oder nicht. Der Dresscode Casual im Büro setzt auf saloppe Lässigkeit, bei Smart Casual ist noch ein bisschen Eleganz im Spiel, ein Spagat zwischen Sportlichkeit und althergebrachtem Büro-Schick, das heißt aber auch, dass Sie bei Smart Casual die Krawatte weglassen können.

textil+mode: Absolut im Trend sind ja auch Sneakers aller Art. Kann ich die im Büro oder bei offiziellen Anlässen inzwischen auch tragen?

Renate Tomberg: Auch da gibt es natürlich Ausnahmen von der Regel. Und Sneakers sind ja auch schon lange mehr als Turnschuhe. Trotzdem würde ich den Rat geben: Sneakers bei offiziellen Anlässen eher nicht, die Schuhmode hat ja aber auch für solche Gelegenheiten jede Menge schicke Alternativen parat.

textil+mode: Ich hatte kürzlich eine Einladung zu einem runden Geburtstag mit dem Dresscode Smart Casual. Eine kurze Rundumfrage bei anderen Eingeladenen zeigte, dass jeder etwas anderes unter Smart Casual verstanden hat. Sind solche Begrifflichkeiten also überhaupt noch verständlich?

Renate Tomberg: Gerade bei Einladungen im privaten Bereich ist der Dresscode manchmal schwierig. Wenn Sie sich aber an eine gute Mischung des eigenen Gefühls und an ein paar kleine Regeln für das Smart Casual halten, kann nichts schiefgehen. Bei Herren sind die no goes: Jeans, „brown shoes after six“, Lederjacke oder Sweatshirt. Mit einer Kombi sind Sie immer passend angezogen. Sie können aber auch einen feinen Pulli über ein langärmeliges helles Hemd tragen. Auch bei den Damen darf es bei Smart Casual lässig elegant sein. Zu den absoluten „no goes“ gehören Leggins, tiefe Ausschnitte, knallige Farben oder extrem hohe Schuhe. Ich rate immer dazu: Im Zweifel ist weniger immer mehr!

textil-mode: Mode ist seit jeher Ausdruck der jeweiligen Zeit und des Lebensgefühls und gehört damit zu unserer Lebenskultur dazu. Der Bundespräsident empfängt ja viele Staatsgäste aus aller Welt. Haben Sie da ganz besondere Modekulturen kennen- und schätzen gelernt?

Renate Tomberg: Für mich war es immer wieder faszinierend, wenn bei Staatsbanketten oder anderen Gelegenheiten die Gäste in landestypischer Kleidung erschienen sind; besonders bei afrikanischen Gästen, wenn sie mit ihren farbenfrohen und fröhlichen Kleidung die Veranstaltung bereichert haben. Ich erinnere mich auch gern an die wunderschönen Kimonos japanischer Staatsgäste. Sie alle haben mit der Modekultur ihrer Heimatländer diese Veranstaltungen zu einem besonderen Ereignis gemacht und haben damit auch einen Einblick in ihre jeweilige Kultur gegeben.

textil+mode: Wer wie Sie über 17Jahre im Protokoll des Bundespräsidialamts gearbeitet hat, kann seinen Knigge bestimmt auswendig aufsagen. Kann man gutes Benehmen denn überhaupt lernen oder schaut man sich das am besten irgendwo ab?

Renate Tomberg: Ich habe jetzt nicht Knigges Bücher auswendig gelernt. Am Anfang ist es das Beste, einfach ins kalte Wasser zu springen, sich links und rechts einiges abzuschauen, interessiert zu sein und zu bleiben und den Kolleginnen und Kollegen mit langer Protokollerfahrung über die Schulter zu schauen - das alles mit einer guten Portion Intuition für Situationen und Abläufe und viel Freude an der Arbeit.

textil+mode: Protokoll ist ja bekanntlich, wenn eine Veranstaltung gut klappt und keiner genau weiß, warum. Wie wichtig ist es denn, sich im Vorfeld von Veranstaltungen Gedanken über Abläufe und Details zu machen?

Renate Tomberg: Eine gute Planung ist - im geschäftlichen wie ja auch im privaten Bereich - sehr zielführend. Da können Checklisten sehr hilfreich sein, damit nichts vergessen wird, z. B. welches Gastgeschenk ausgewählt wird, Blumenschmuck etc.

textil+mode: Können Sie uns denn als erfahrene Protokollerin die drei goldenen Regeln für eine gelungene Veranstaltung mit auf den Weg geben?

Renate Tomberg: Ich würde sagen: ein gut vorbereiteter Ablauf, einen Plan B bereitzuhalten, in unvorhergesehenen Situationen die „Contenance“ bewahren; das alles gepaart mit einem Lächeln, einer Zugewandtheit und einer inneren Ruhe, die einhergeht mit einer im Laufe der Jahre hinzugekommenen Gelassenheit.

textil+mode: Und was sollte uns auf keinen Fall passieren?

Renate Tomberg: Geht nicht, gibt es nicht! Ein Plan B ist - wie gesagt - immer bereitzuhalten und dann ist Improvisation einfach alles!

Renate Tomberg arbeitete fast zwei Jahrzehnte für verschiedene Bundespräsidenten im Protokollreferat des Bundespräsidialamts. Seit Mai 2019 ist sie freiberuflich als Beraterin für Veranstaltungen und Organisationen tätig.

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