Die Zukunft ist jetzt: Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität

Wie und wann kann die deutsche Textil- und Modeindustrie klimaneutral wirtschaften?

28.04.2022

Mit dieser Frage hat sich das Forschungskuratorium Textil, FKT, in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt und dabei auch die zentrale Rolle der Kreislaufwirtschaft in den Blick genommen. Viel Stoff für die Diskussionen im Zukunftsworkshop des Präsidiums vom Gesamtverband textil+mode zusammen mit dem Vorstand des FKT, für den sich zahlreiche Unternehmerinnen und Unternehmer Zeit genommen hatten. Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie, die in Sachsen und weiteren Standorten in Europa mit ihrem Unternehmen Peppermint Garne und Textilien produziert, zog eine positive Bilanz der Diskussion. „Die Branche geht voran, wenn es um Nachhaltigkeit geht.“ Für die beiden Studien, die das FKT gerade zu den Megathemen Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität erarbeitet, bot der Austausch in Berlin wichtige Anregungen und Erfahrungen aus der Praxis der Unternehmen.

Für Markus Simon, Geschäftsführer der VERSEIDAG-INDUTEX in Krefeld, ist eine der Grundvoraussetzungen für eine klimaneutrale Produktion in Europa ausreichend Energie aus erneuerbaren Quellen zu bezahlbaren Preisen. Eine Schlüsselfrage für die gesamte deutsche Industrie, nachdem der Druck aus fossiler Energie auszusteigen, durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch einmal gestiegen ist. Franz-Jürgen Kümpers, Vorsitzender des Vorstandes des FKT, sieht neben den Energiefragen Produktinnovationen, Kreislaufwirtschaft, Recycelfähigkeit und CO2-Neutralität als die zentralen Zukunftsthemen für die Textilindustrie. Nach Einschätzung von Thomas Lindner, Strumpfhersteller aus dem sächsischen Hohenstein- Ernstthal, ist die Branche dafür gut aufgestellt. Dank der hervorragenden textilen Forschungsinstitute wird es aus seiner Sicht gelingen, immer mehr recyclingfähige Produkte zu bezahlbaren Preisen auf den Markt zu bringen. Dafür brauche der industrielle Mittelstand aber Entlastung an anderer Stelle, viele Betriebe befänden sich angesichts der Energiepreise in einer kritischen Situation.

Dass Familienunternehmen besonders nachhaltig wirtschaften, ist für die Wäscheherstellerin aus dem Schwäbischen, Martina Bandte, nicht nur ein Herzensthema. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die über 100jährige Firmengeschichte des Unternehmens Karl Conzelmann. Zukunft braucht Herkunft, das stellen viele deutsche Traditionshersteller und Marken jeden Tag unter Beweis, wie auch Franz-Peter Falke, Strumpfhersteller aus Schmallenberg im Sauerland, betonte. Mareen Götz, produziert in ihrem Unternehmen Vowalon im sächsischen Treuen auch veganes Kunstleder aus über 50 Prozent nachwachsenden Rohstoffen. Ihr positives Fazit nach dem Workshop: „Wenn wir weiter so interdisziplinär denken und arbeiten und uns austauschen, ist es mit dem Green Deal zu schaffen.“ Das sieht auch Klaus Berthold, Hersteller von persönlicher Schutzausrüstung, so. Die Branche habe den Willen und das Wissen, mit den entsprechenden politischen Rahmenbedingungen sei der Weg in die Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität absolut machbar. Gegründet wurde sein Unternehmen 1952 von seinem Vater im rheinlandpfälzischen Thalhausen als Tuchgroßhandel. Heute produziert HB Protective Wear hoch anspruchsvolle Schutzbekleidung. Bodo Bölzle, CEO der Amann Group, betont: „Wir können Green Deal Textil und ich halte kreislauffähige Textilien und den Weg in die CO2-Neutralität auch für richtig und wichtig für uns, unsere Umwelt, unser Klima, unsere Zukunft und für die Zukunft unserer Branche“.

Für Professor Holger Erth, Geschäftsführer der Textilausrüstung Pfand in Lengenfeld im Vogtland, ist es wichtig, dass mit Blick auf Europa überall die gleichen Regeln gelten, wenn es um das Ziel einer umfassenden textilen Kreislaufwirtschaft geht. Einfuhren nach Europa dürfen dann nicht anders behandelt werden als textile Produkte Made in Europe. Michael Kamm, Gründer und Teilhaber der Unternehmensberatung Anteforte, hat bei der Kursbestimmung in Sachen Kreislaufwirtschaft auch die Textilstrategie der EU-Kommission im Blick. Eine Chance, wie er findet, da Brüssel die technischen Fähigkeiten der europäischen Textilindustrie ausdrücklich anerkennt. Markus Regenstein aus Paderborn stellt in seinem Unternehmen Penn Textile Solutions innovative Stoffe her. Auch er ist zuversichtlich, dass sich die deutsche und die europäische Textilindustrie in Sachen Klimaschutz ein Alleinstellungsmerkmal wird erarbeiten können. Die Frage, wie der deutschen Textil- und Modeindustrie diese Zeitenwende gelingen kann, fasst er am Ende des Workshops auf einen Satz zusammen:

„Wir machen das jetzt, weil es uns wichtig ist!“