Berlin: Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie droht zum Musterbeispiel gut gemeinter, aber realitätsferner Regulierung zu werden. Was als Beitrag zu mehr Gerechtigkeit gedacht ist, lässt sich in der betrieblichen Praxis kaum rechtssicher und bürokratiearm umzusetzen und wird durch die unklaren rechtlichen Vorgaben damit zu einer weiteren erheblichen Belastung für die Unternehmen. Aus Sicht der deutschen Textil- und Modeindustrie zeigt sich damit einmal mehr: Europäische Regulierung verfehlt ihr Ziel, wenn sie an der wirtschaftlichen Realität vorbei geht. Damit hilft sie weder Beschäftigten noch Unternehmen.
Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie fordert deshalb eine grundlegende Überprüfung der Richtlinie sowie eine Umsetzung mit Augenmaß, die tarifliche Strukturen schützt und mittelständische Unternehmen nicht überfordert. Am 7. Juni endete die nationale Umsetzungsfrist der EU-Entgelttransparenzrichtlinie.
Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie: „Der Ablauf der Umsetzungsfrist zeigt: Die Richtlinie ist nicht nur ein deutsches Umsetzungsproblem. Sie verursacht in der gesamten Europäischen Union erhebliche praktische, rechtliche und administrative Schwierigkeiten. Die Europäische Kommission muss diese Realität anerkennen. Die Richtlinie muss grundlegend überprüft werden.“
Die deutsche Textil- und Modeindustrie ist überwiegend mittelständisch geprägt. Viele Unternehmen stehen zugleich unter hohem internationalen Wettbewerbsdruck, kämpfen mit steigenden Kosten, Fachkräftemangel und immer neuen Berichtspflichten. Zusätzliche komplexe Vorgaben zur Entgelttransparenz werden diese Betriebe weiter belasten. Gerade mittelständische Unternehmen verfügen häufig nicht über große Personal-, Rechts- und Compliance-Abteilungen, um immer neue europäische Nachweis-, Prüf- und Dokumentationspflichten ohne erheblichen zusätzlichen Aufwand umzusetzen.
Hauptgeschäftsführer Mazura: „Eine zentrale Rolle spielen für unsere Branche unsere Tarifverträge. Tarifliche Entgeltsysteme sorgen seit Jahrzehnten für nachvollziehbare, transparente und diskriminierungsfreie Vergütungsstrukturen. Eingruppierung, Tätigkeitsbewertung und Entgeltentwicklung werden zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbart und folgen sachlichen Kriterien. Diese gelebte Sozialpartnerschaft ist ein wirksamer Beitrag zu fairer Bezahlung. Wer Tarifautonomie ernst nimmt, muss tarifliche Lösungen stärken, statt sie durch eine europäische Richtlinie zu schädigen."
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