Auf Europa kommt es an!

Kein Green Deal ohne Textil – Ingeborg Neumann im Gespräch mit dem Fachmagazin textile network

27.01.2020

Zum Auftakt der diesjährigen Europaserie von textile network „Textilkontinent Europa – Chancen und Risiken“ spricht die Präsidentin des Gesamtverbandes textil+mode, Ingeborg Neumann, mit Chefredakteurin Iris Schlomiski über die aktuellen Herausforderungen der deutschen Textil- und Modeindustrie.

textile network: Frau Neumann, wir wollen in diesem Jahr bei textile networks unseren Blick auf die europäische Textilindustrie richten. Sie sind selbst als Textilunternehmerin an sieben Standorten in Europa, vier davon in Deutschland, aktiv. Welchen Stellenwert hat Europa für die deutsche Textilindustrie?

Neumann: Für uns Textiler ist Europa nicht nur unser wichtigster Absatzmarkt. Wir wissen auch, dass wir in Europa nur gemeinsam stark sind. Kein Land kann allein eine Klimawende umsetzen, keiner von uns kann sich allein gegen die Handelskonflikte zwischen den USA und China stemmen. Keiner von uns kann allein eine kluge Handelspolitik betreiben. Nur gemeinsam sind wir stark und können unsere Interessen angemessen vertreten, vor allem wenn Sie sich ansehen, wie rasant sich die Kräfteverhältnisse auf der Welt ändern und die Rolle Europas dabei eher schwächer statt stärker wird.

textile network: Gibt es denn überhaupt so etwas wie ein Bewusstsein einer europäischen Textilindustrie?

Neumann: Die meisten unserer mittelständischen Unternehmen sind global aufgestellt. Wir machen rund 40 Prozent unserer Umsätze im Export. Schon deshalb wissen wir um die Bedeutung einer starken handlungsfähigen EU. Das haben wir anlässlich der Europawahlen auch mit einer eigenen Kampagne zum Ausdruck gebracht. Wir haben in unseren Betrieben voller Überzeugung dafür geworben, zur Wahl zu gehen. Was unser abgestimmtes Handeln als europäische Textilindustrie angeht, ist nichts so gut, dass es nicht noch besser werden könnte. Unser europäischer Verband Euratex hat sich neu aufgestellt und hatte, wie ich finde, einen sehr guten Start. Darauf müssen wir jetzt aufbauen.

textile network: Wo sehen Sie denn die Schwerpunkte in den kommenden Jahren in Europa für die Textilindustrie?

Neumann: Auf alle Fälle in den ehrgeizigen Plänen, bis 2050 klimaneutral zu werden. Was passiert, wenn wir nicht genug erneuerbare Energie zur Verfügung haben, womit sollen unsere Maschinen laufen? Unsere Kollegen der Chemieindustrie haben in einer Studie die Pfade für eine treibhausgasneutrale Industrieproduktion hochrechnen lassen. Danach würde der Strombedarf ab Mitte der 2030er Jahre allein in der Chemieindustrie das Niveau der gesamten heutigen Stromproduktion in Deutschland erreichen. Wenn wir hier nicht mit Maß und Mitte agieren, wird die Klimapolitik kein Jobmotor, sondern ein Industrievernichtungsprogramm.

textile network: Und wie schaut die Lösung aus?

Neumann: Die europäische Industrie darf nicht ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit beraubt werden, allen voran der Mittelstand im produzierenden Gewerbe, sonst können wir unsere Produktionshallen schließen. Es wäre ja absurd, wenn ausgerechnet unsere mittelständischen Betriebe, die mit weltweit höchsten Umwelt- und Sozialstandards und hoch energieeffizient produzieren, ihre Standorte aus Europa verlagern.

textil network: Was Sie beschreiben, hört sich nach Krisenstimmung an ...

Neumann: Was das Thema Energie angeht, ist es in der Tat sehr ernst. Wir haben in Deutschland schon die höchsten Stromkosten weltweit und alles, was wir hier in Deutschland oder in Europa beschließen, betrifft am Ende unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wenn wir bis 2050 klimaneutral leben und arbeiten wollen, bedeutet das für uns im produzierenden Gewerbe einen enormen Investitionsbedarf. Ich will aber auch über unsere Chancen reden. Denn wir haben die vergangenen Jahrzehnte in der Textilindustrie genutzt, um zahlreiche Zukunftsinnovationen zu erforschen und ganz neue Anwendungen für textile Materialien zu erschließen.

textile network: Haben Sie ein Bespiel?

Neumann: Die Städte der Zukunft können wir nicht mehr als Betonwüsten planen. Klimaneutrale und moderne Architektur verlangt nach neuen Lösungen. An eine Stoffbahn aus hochfestem Polyester- oder Glasfasergewebe lassen sich pro laufendem Meter 20 bis 50 t Gewicht hängen. Damit kann man Dächer bauen, die spielend 50 m überspannen, aber nur 1 mmm dick sind. Oder nehmen Sie die Bereiche Wärmedämmung, Filtertechnik für Luft und Abwässer. Kein Green Deal funktioniert ohne Textil.

textile network: Würden Sie das auch für Bekleidung sagen?

Neumann: Aber selbstverständlich! Der Wandel ist in vollem Gange. Auch bei Bekleidung wird sich der Wandel über das Thema Innovation vollziehen: mit völlig neuen nachhaltigen Materialien, neuen Techniken in der Fertigung, einer klugen Kreislaufwirtschaft, die weit über Textil hinausgeht und andere Branchen miteinbeziehen wird. Der europäischen Textilindustrie mangelt es nicht an Innovationen. An unseren Textilhochschulen und in unseren Forschungseinrichtungen arbeiten viele Menschen an Zukunftslösungen.

textile network: Trotzdem hat die Branche beim Nachwuchs ein Attraktivitätsproblem. Der neue Präsident von Euratex, Alberto Paccanelli, hat den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als größte Sorge der europäischen Textilunternehmen bezeichnet.

Neumann: Deshalb tauschen wir unsere Erfahrungen als europäische Verbände auch intensiv aus. Wenn Sie sich dann näher mit unseren Ausbildungseinrichtungen beschäftigen, werden Sie tolle Lehrer und Dozenten und junge Auszubildende und Studierende kennenlernen, die sich den Wandel in ihrer Ausbildung längst auf die Fahnen geschrieben haben. Diesen Wandel haben wir im vergangenen November auf den Roten Teppich des Bundespresseballs in Berlin gebracht. Dabei sorgte nicht nur ein Kleid aus Algen bei den Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur für den nötigen Aha-Effekt, sondern vor allem der Elan der jungen Textiler, den Wandel von morgen heute schon gestalten zu können. Ich mir sicher: Beispiele wie diese werden in ganz Europa Schule machen.

textile network: Deutschland wird im zweiten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Wie bereitet sich die Textilindustrie darauf vor?

Neumann: Wir befinden uns zu allen wichtigen Themen mit der Bundesregierung in Gesprächen. Dabei geht es zum Beispiel um die Frage, wie Lieferkettentransparenz im nationalen, aber auch im europäischen Kontext geregelt werden soll. Um es ganz klar zu machen: Die Einhaltung der Menschenrechte und der Kampf gegen Kinderarbeit stehen für uns als Textilindustrie außer Frage. Was ich einfordere in der Debatte, ist Sachlichkeit. Unsere Mittelständler sorgen nicht nur für Arbeitsplätze in Deutschland, sondern weltweit. Unsere weltweit höchsten Umwelt- und Sozialstandards und unsere Marktmacht sind allerdings weit davon entfernt, das Maß aller Dinge zu sein. Schon deshalb brauchen wir eine starke Europäische Union, die sich in den Ländern selbst für gute Regierungsführung, Arbeitnehmerrechte, das Recht auf Bildung und die Gleichberechtigung der Frauen einsetzt. Das sind alles Themen, bei denen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen einbringen können. Wann immer die EU-Kommission oder das EU-Parlament rufen, stehen wir auch hier jederzeit zum Austausch bereit.

Frau Neumann, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview erschien am 27. Januar 2020 auf textile network.de

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