t+m begrüßt Aussage des Bundeswirtschaftsministers zu Strompreisen

20.03.2018

In einem Interview mit dem Handelsblatt begrüßt t+m-Präsidentin Ingeborg Neumann die Aussagen des neuen Bundeswirtschaftsministers, Peter Altmaier, zu den Strompreisen für den industriellen Mittelstand. Außerdem äußert sie sich zur Handelspolitik.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte angekündigt: “Ich werde mich vordinglich darum kümmern, dass der Strompreis nicht weiter zum Problem für den industriellen Mittelstand wird. Wir müssen für die vielen Mittelständler, die viel Strom verbrauchen, aber knapp unter bestimmten Schwellenwerten liegen, Lösungen finden. Sie dürfen keine Nachteile gegenüber europäischen Wettbewerbern haben.“ (Handelsblatt-Interview 19.3.2018)
Handelsblatt: Wieso sind die Strompreise für die Textilindustrie in Deutschland ein Problem? So viel wird hierzulande doch nicht gefertigt?

Neumann: Die deutsche Textilindustrie ist viel mehr als Bekleidung. Die Unternehmer unserer Mitgliedsverbände produzieren Textilien für unsere gesamten Lebensbereiche, für zuhause, im Büro, im Auto, im Flugzeug oder Schiff. In jedem Raum, in jedem Gebäude oder Verkehrsmittel befinden sich Textilien oder sind Teile aus textilen Fasen verbaut, die sehr wohl in Deutschland hergestellt werden. Unsere Unternehmen produzieren auch hochfunktionale Arbeitskleidung oder Medizinprodukte – vom intelligenten Wundverband bis hin zum Stent bei der Herz-OP. Die Produktion der Garne, Fasern, Vliese und Stoffe für all diese Produkte ist sehr energieintensiv. Über 135.000 Menschen sind in der deutschen Textilindustrie beschäftigt, in 1.400 Unternehmen, die Zahl der Arbeitsplätze steigt von Jahr zu Jahr. Im Bereich der technischen Textilien sind wir sogar Weltmarktführer. Das ist aber kein Automatismus. In vielen Unternehmen sind die Strompreise in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. Deshalb begrüßen wir sehr, dass Bundeswirtschaftsminister Altmaier angekündigt hat, sich vordinglich um die Strompreise für mittelständische Betriebe zu kümmern. Unsere Unternehmen müssen jeden Tag im internationalen Wettbewerb bestehen, das kann der industrielle Mittelstand aber nicht schaffen, wenn die Strompreise durch die Decke gehen.

Handelsblatt: Wie sieht es in anderen EU-Ländern in Ihrer Industrie aus?

Neumann: Die Strompreise in unseren Hauptwettbewerbsländern sind fast durchgehend deutlich niedriger als in Deutschland. In Frankreich und Holland beispielsweise sind die Strompreise nur etwa halb so hoch wie bei uns. Alleine die EEG-Umlage ist in Deutschland so hoch wie die gesamten Strompreise in den USA oder in China.

Handelsblatt: Welche Lösung wäre aus Ihrer Sicht anzustreben?

Neumann: Ein Teil der Lösung könnte sein, Haushaltsmittel für die Finanzierung der Energiewende einzusetzen. Wir sind hier gerne bereit, gemeinsam mit der neuen Bundesregierung über Lösungen zu sprechen. Wie der Wirtschaftsminister richtig feststellt, hängt das Wachstum in Deutschland ganz erheblich vom deutschen Mittelstand ab. Und davon ist die deutsche Textil- und Modeindustrie als zweitwichtigste Konsumgüterindustrie ein ganz wichtiger Teil. Unsere Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen in der Tat das Vertrauen, dass Milliardeninvestitionen in intelligente, innovative Produkte und auch in höchste Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards nicht durch Mehrbelastungen an allen Ecken und Enden zunichte gemacht werden. Was die neue Bundesregierung bei Teilzeit und Befristungen und bei der gesetzlichen Krankenversicherung plant, geht über unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten, ganz zu schweigen von den Strompreisen. Für Branchen wie unsere, die derart im globalen Wettbewerb stehen, gehen solche Belastungen ganz schnell an die Existenz. Das Geld fehlt uns für Innovationen und die Digitalisierung unserer Unternehmen.

Handelsblatt: Wirtschaftsminister Altmaier versucht in den USA gerade, neue Zölle zu verhindern. Hätten Zölle auf Stahl und Aluminium auch Auswirkungen auf Ihre Industrie? Was befürchten Sie, sollte sich der Konflikt zwischen den USA und der EU ausweiten?

Neumann: Für uns ist jede Form von Handelsbeschränkung Gift. Die USA sind für unsere Unternehmen in der deutschen Textil- und Modeindustrie seit Jahren einer der wichtigsten Export- und Absatzmärkte. Waren „Made in Germany“ sind in den USA sehr beliebt. Wir können deshalb nur begrüßen, dass Wirtschaftsminister Altmaier sofort in die USA geflogen ist, um für einen Weg der Vernunft zu werben. Weniger Jeans und Whisky aus den USA gegen weniger Stahl aus Europa – das kann nicht die Lösung sein. Abschottung durch Zölle ist in unserer globalen Wirtschaft für Niemanden der Weg zu mehr Wohlstand und Beschäftigung. Im Gegenteil: Wir alle würden verlieren – sowohl in den USA als auch in Europa.

Die Fragen stellte Donata Riedel.